3. September 2011

Eintauchen in Ungarn und mich (Teil 1)

Morgenstimmung am Balaton See

Wir erreichen unseren Campingplatz um Mitternacht. In einem Zug waren wir durchgefahren, 920 km von zu Hause. Wir sind angekommen am nördlichen Ufer des Balaton Sees. Es ist Sommer, Anfang August 2011. Wir schlafen in unserem Wohnmobil vor der Campingeinfahrt. Nachts darf man nicht reinfahren. Um 5 Uhr früh wache ich auf und husche hinaus. Thomas schläft tief und fest, verdient.

Ich gehe auf unseren Campingplatz, der direkt am Ufer des großen Balaton Sees liegt. Ich gehe am Schilfufer entlang, von dem immer wieder Holzstege in den See führen. Es ist die blaue Stunde, der See und die Luft sind fast gleich blaugrün. Ich atme die Feuchtigkeit der Nacht und des Sees. Der Campingplatz schläft noch tief und fest, aber der See ist schon erwacht. Da spaziert auf einem Holzsteg ein weißer Fischreiher. In ca. 8 m Entfernung von mir. Ich bleibe stehen. Er bleibt stehen. Reckt den Kopf. Schaut mich an mit einem Auge, dreht den Kopf, schaut mit dem anderen Auge. Da bemerke ich, dass ich den Atem anhalte. Ich atme aus, ganz langsam und wieder ein. Der Vogel beugt seinen Kopf und putzt sein Gefieder. Auch er hatte den Atem angehalten.



Dann gehe ich auf den Pier, wo die Angler sitzen zu dieser frühen Stunde. Er ist direkt vor dem Campingplatz. Ein Mann zieht gerade einen Weißfisch aus dem Wasser. Auf dem Steinboden noch am Haken springt der Fisch um sein Leben, ca. 60 cm hoch. Ich gehe in die Hocke und lege meine Hand auf den Fisch. Der Mann mit der Rute in der Hand, spricht Ungarisch zu mir. Ich verstehe nichts und verstehe alles. Dann sagt er: „Gefällt?“. Ich sage nichts, mein Körper hat gesprochen.

Heimatbusen auf dem Postamt
Wir sind in einem kleinen Dorf am nördlichen Ufer des Balaton Sees in Ungarn. Wer jemals den Film „Ich denke oft an Piroschka“ gesehen hat, erkennt diesen Ort. Es gibt dort noch reetgedeckte Häuser, große Walnussbäume und ein Postamt, an dem man Geld abheben kann. Keinen Bankomat. Wir betreten das Postamt. Es ist winzig klein. Zwei Damen sitzen hinter einem komplett verglasten Schalter mit einem kleinen kreisrunden Loch drin. Die eine Dame telefoniert in Seelenruhe. Mit ihrer Freundin. Das fühle ich. Sie beachtet uns nicht. Unbestritten, sie ist die Herrscherin in diesem Postamt. Sie hat geschätzte BH Körbchengröße E. Wer mich kennt, dem sage ich, ich habe Körbchengröße C (dazwischen kommt noch D). Der Stoff ihres hautengen Tops hört knapp über der Brustwarze auf. Ich versinke in ihrem Ausschnitt. Und ich wünsche mir in diesem Moment, meine Geschäftskollegen aus Deutschland wären jetzt hier und würden bei dieser Dame Geld abheben. Und ich würde sie beobachten.


Anschließend gehen wir Mittagessen. Es gibt: rumänische Csorba Suppe. Saure Suppe mit Fleischklößchen drin. Als sie auf den Tisch kommt, steigt der Geruch in meine Nase – wie bei meiner Mutter zu Hause! Soviel Heimat! Soviel Glück!

Am Abend schieben wir unsere Fahrräder am kleinen Kirchlein in unserem Dorf vorbei. Davor steht ein Mann vom Campingplatz mit seinen zwei Jungs 12 und 14 Jahre alt. Der Vater spricht Ungarisch zu uns. Ich verstehe nichts. Ich sage: Deutsch? English? Der Vater schaut beschämt zu Boden. Ich schaue die beiden Jungs an. Auch sie schauen zu Boden. Ich flehe innerlich, sie mögen sich überwinden und versuchen auf Englisch zu sagen, was sie uns sagen wollten. Da sagt der eine Junge: „Guitar. Concert. Now.“ Es stellt sich heraus, die Meisterklasse der spanischen Gitarre hat einen Lehrgang in unserem Dorf. Es gibt ein Freikonzert jetzt in diesem Kirchlein. Es spielt: JOZSEF EÖTVÖS, Name nie gehört. Er ist ein Meister der klassischen Gitarre. 20 Leute sitzen in dem Kirchlein und dieser Mann verzaubert uns alle. Er spielt zwei Melodien gleichzeitig auf seiner Gitarre. Thomas sagt: „Er ist ein Pepe Romero!“

Meine ungarische Wiege
Am Nachmittag. Auf dem Campingplatz. Zwei Frauen und ein Mann im Alter meiner Eltern sitzen unter einem großen Baum im Schatten und unterhalten sich. Ich nehme meine Decke und lege mich ins Gras ganz nahe an sie heran. Es stört sie nicht. Sie reden Ungarisch. Ich verstehe nichts und verstehe doch. Sie reden über Essen. Ich höre: Kilo Paprika, Letscho, Lekvar, Igen, Jo. Ich lasse mich wiegen in dieser ungarischen Sprache und höre im Geiste mein ungarisches Kindermädchen Irina. Die Welt ist in Ordnung. Ich bin zu Hause.

Heute lerne ich: „Es o schör jo hiddeg“. Das ist Ungarisch. Ich schreibe es, wie man es spricht. Hiddeg ist kalt. Das Bier ist schön kalt. Das lerne ich von Istvan. Istvan ist Deutschlehrer in Budapest. Er verbringt jedes Jahr den Sommer mit seiner Frau Erika hier auf dem Campingplatz. Er ist 50 Jahre alt und ein freundlicher ungarischer Bär von einem Mann. Mit grauen Haaren und freundlichen Braunbäraugen. Und er hat es faustdick hinter den Ohren! Wie ich, hätte ich jetzt beinahe gesagt. Wir kennen uns seit letztem Jahr. Er erzählt uns, dass sie dieses Jahr nach Syrien fliegen. Es stellt sich heraus, sein Freund, der auch hier Urlaub macht auf dem Campingplatz, ist der ungarische Konsul in Damaskus. Er musste schon zurück, aber seine Frau und sein Töchterchen sind noch hier. Ich denke: Hoffentlich spricht sie Englisch. Oder ich kann auf Ungarisch nur über Essen mit ihr reden: Pörkölt und Paprika.

Unser Stellplatz ist direkt an einem der Holzstege, sozusagen mitten in der Kreuzung, wo alle Leute vorbeilaufen zum Waschraum oder zum See. Meine Mutter würde sagen: man kann euch bis in den Magen sehen. Was bedeutet, dass man uns voll reinschauen kann und wir allen Blicken ausgesetzt sind. Ich habe aber kein Problem mit meinem Magen. So kriege ich alles mit und wir haben einen super Panoramablick auf den See und unseren Holzsteg, auf dem sich das Leben abspielt.

Eintauchen in Ungarn und mich (Teil 2)

Angeln in der zweiten Dimension (2.0)
Istvan fährt immer mit seinem Fahrrad an unserem Stellplatz vorbei. Entweder mit Geschirr zum Abwasch oder mit seinen Angelruten. Er erklärt mir die Angelruten. Er hat gestern Rapfen gefangen, 2 kg schwer, das ist ein Raubfisch. Der Köder ist ein Bleifischchen, darunter 3 Haken, die wie ein Kronleuchter auseinander gehen. Kein Köder, kein Wurm, kein Mais für Rapfen. Karpfen fängt man mit Mais. Karpfen sind schleckig. Es gibt Maisköder mit Erdbeergeschmack. In echt. Im Glas. Hab ich selbst gekauft, hier im Laden für Angelzubehör. Istvan hat vor ein paar Tagen einen 8 Kg Karpfen an der Angel gehabt. Aber er ist ihm entwischt. So einen Fisch muss man ermüden. Man lässt die Rolle laufen und haut dann die Bremse rein. Immer wieder. Das dauert. Zum Schluss holt man ihn mit dem Kescher rein. Istvan sagt: “Angeln ist kein Hobby, es ist eine Kunst.“

An einem Tag ist es besonders drückend und heiß. Er sagt: „Jetzt ist eine gute Zeit, um Wels zu fangen“. Wels angelt man mit Maulwurfsgrille, Blutegel oder stinkender Hühnerleber, die man 3 Tage in einer Dose in der Sonne stehen lässt. Aber die Welse leben mitten im See, wir angeln nicht nach Welsen. Man kann hier auch Hecht angeln. Der Hecht ist auch ein Raubfisch, er wird mit Köderfisch gefangen, aber einem größeren als beim Zander. Der Karpfen kann von der Angel entwischen, der Zander nicht mehr. Der Zander verschluckt den Fisch mit dem Haken komplett und er ist dran. Beim Karpfen kann der Haken aus dem Maul ausreißen. Der Fisch lebt aber weiter, das macht ihm nichts aus.

Der Uwe ist der Nachbar von Istvan hier auf dem Platz. Er angelt nur Zander und hat schon 14 Stück gefangen, immer nachts. Am Abend läuft er mit der Rute und einem Köderfisch ins Wasser. Es ist ja hier nur bauchnabeltief ca. 20 Meter weit. Dann wirft er den Köderfisch aus und bringt die Rute ans Ufer. Dort befestigt er sie und geht schlafen. Er hat einen elektronischen Bissanzeiger. Wenn in der Nacht der Zander beißt, wird das per Funk in seinen Wohnwagen übertragen. Er steht auf und holt den Fisch rein. Er hat eine riesige Tiefkühltruhe im Wohnwagen. Friert alle Fische ein und nimmt sie mit nach Deutschland. Tagsüber angelt er nach Karpfen nur zum Zeitvertreib, er will nur den Zander. Wenn er einen Karpfen fängt gibt er ihn Istvan.

Kesselgulasch mit EROS Paprika
Istvan sagte am Vortag: „Morgen machen wir Hammelgulasch im Kessel, macht ihr mit?“ Na klar machen wir mit. Am frühen Nachmittag geht es los mit Zwiebel, Knoblauch, Paprika schneiden. Um 16 Uhr wird der Kessel aufgestellt auf einem freien Platz gegenüber vom Waschraum. Ich bin von Anfang an dabei. Ich will alles ganz genau beobachten. Jeden Schritt dokumentiere ich mit meiner Kamera. Es ist ein 20 Liter Kessel auf einem Dreifuß, darunter brennt das Holzfeuer.

Zuerst wird Speckschwarte ausgelassen. Ca. 2 Liter Speckbrühe schwimmt im Kessel. Dann kommen ca. 3 kg gewürfelte Zwiebeln dazu. Danach erst Knoblauch und kleingeschnittene Paprikaschoten. Das brutzelt ein bisschen. Und jetzt erst kommt das Paprika Pulver. Ich schaue auf die Packung. Darauf steht: EROS Paprika. Genauso EROS! Gesprochen „Ärööösch“. Das heißt auf Ungarisch: Sehr scharf! Womit alles klar ist. Der Wortzusammenhang! Unglaublich! EROS kommt aus Ungarn. Edes („edesch“) ist süß. Dann kommt das Fleisch dazu. Ein halber Hammel, 10 kg zerstückelt, aus einer Plastikwanne. Ein bisschen Wasser wird dazu gegossen aus der Gießkanne. Wir stehen jetzt zu siebt um den Feuerkessel herum. Istvan stellt mich vor: 3 Männer heißen Bela (gesprochen: Beeela), Tibor, Juri, Judith die Kochmeisterin. Sie bestimmt, wann was in den Kessel kommt. Tibor kommt mit einer Tüte roter Chilischoten und zeigt sie mir. Istvan sagt, das ist Katzenschwanzpaprika. Ich sage: das Wort habe ich noch nie gehört. Er sagt: „Das habe ich jetzt direkt aus dem Ungarischen übersetzt. Katzenschwanz - aber der vorne, nicht hinten!“



Istvan hat sein Fahrrad mitten auf unseren Gulaschplatz gestellt. Ich stehe daneben, da fällt es um. Ich sage: „Ich war‘s nicht“. Er sagt: Ich weiß, es war der Zufall. Er sagt: es gibt ein ungarisches Sprichwort. „Das Fahrrad soll nicht so stehen, wie der Schwanz nach der Hochzeit.“ Ich verstehe die Pointe nicht. Ich frage: “Was ist mit dem Schwanz nach der Hochzeit?“ Die 3 Belas erklären es mir. Ich verstehe immer noch nicht, will es aber wissen. Ich frage: Was stimmt nicht mit dem Schwanz? Das Fahrrad war umgefallen. Die Männer amüsieren sich köstlich über mich. Jemand sagt: „Dein Mann soll es Dir erklären“. Ich schaue Thomas an. Er kommt zu mir und sagt: der Schwanz steht nach der Hochzeit im Mittelpunkt. Das Fahrrad soll nicht so stehen, wie der Schwanz nach der Hochzeit. Ach so.

Wie gesagt, unser Gulaschplatz ist gegenüber vom Waschraum. Istvan kommt raus und trocknet sich ab. Es ist kurz vor 8 Uhr abends. Bald ist unser Kesselgulasch fertig. Ich sage zu ihm: „Du hast geduscht.“ Und denke laut weiter: Vielleicht sollte ich auch duschen? Er sagt: „Wenn Du stinkst?“

Tibor ist der Hüter über das Feuer und das Kesselgulasch. Ich beobachte ihn genau. Es erfordert größte Sorgfalt. Ständig legt er Holz nach und dreht den Kessel mit beiden Händen. Ich frage warum. Er sagt, es kocht nicht gleichmäßig im Kessel, wie man ja sieht. Es blubbert nicht überall gleich stark. Das ist gar nicht möglich auf offenem Feuer. Also dreht er ständig am Kessel, um den Inhalt an andere Stellen zu verschieben, damit alles gleichmäßig kocht. Immer wieder gießt er ein bisschen Wasser aus der Gießkanne nach.

Unser Gulasch kocht jetzt seit 3,5 Stunden. Ich frage Tibor: woher weißt Du, wann es fertig ist? Er sagt: ich probiere es und wenn das Fleisch sich vom Knochen löst. Er stochert mit der Gabel an den Knochen herum. Es ist fertig. Immer mehr Menschen sind gekommen mit ihren Tellern und Campingstühlen. Alle Tische werden aneinandergereiht. Wir sind jetzt etwa 30 Menschen. Es schmeckt vorzüglich, gar nicht nach Hammel. Und nicht scharf, eher süßlich.



Dann geht über uns der Sternenhimmel auf und wir sitzen im Dunkeln darunter. Dort, wo der Kessel hing, brennt jetzt ein großes Feuer. Wir sitzen alle um das Feuer herum. Ich sage zu Tibor, dem Hüter des Feuers: „Tibor, spielst Du Geige? Kannst Du bitte Geige spielen? Er sagt: “Ich kann nicht Geige spielen, aber wir könnten eine ungarische Volksweise singen“. Ich sage: „Ja, bitte singt“. Aber keiner will singen. Ich merke, wie mir die Augen zufallen. Ich stehe auf, nehme meinen Campingstuhl und bedanke mich für das gute Essen. Istvan sagt: „Gehst Du schon? Aber lass Deinen Mann hier. Ich sage: “Istvan, ich schlafe schon im Stehen, ich lasse ihn dir hier“.

Eintauchen in Ungarn und mich (Teil 3)

Ein Kulturmensch am Fischausnahmeplatz
Istvan kommt vorbei, in seinem Fahrradkorb liegt ein dicker Schuppenkarpfen. Er sagt: der Uwe hat ihn gefangen, ich habe ihn gerade erschlagen. Er sieht schön aus, 2 kg schwer, beige. Das Gewicht sieht er dem Fisch an, Istvan muss Fische nicht wiegen. Er sagt: Ich gehe ihn putzen, kommst Du mit? Na klar komme ich mit. Der Fischausnahmeplatz ist hinter dem Waschraum. Es gibt dort ein Waschbecken mit Schlauch, eine Ablage, 2 Holzbretter, die am Boden lehnen. Als wir ankommen sagt Ivan: „Hier war ein Kulturmensch. So eine Ordnung hier, das ist nicht immer so.“ Er holt ein Holzbrett vom Boden und legt den Karpfen drauf.

Mit einer Art scharfem Gemüsemesser, mit etwas längerer Klinge, schneidet er von der Schwanzflosse nach vorne unter die Haut. Ich sage: ziehst du die Haut ab? Nein sagt er, das ist die Schuppentasche. Tatsächlich eine Hautschicht voller großer Schuppen wird abgeschält und darunter bleibt die Fischhaut. Da kommt auch Tibor vorbei, sein Freund, der Feuerhüter. Als die Schuppen auf beiden Seiten des Fisches weg sind, schneidet er den Bauch auf. Er holt alle Innereien sorgfältig hervor und erklärt sie mir. Leber, Galle, Niere, Darm. Alles wird sorgfältig abgespült und sortiert. Für die Fischsuppe und für den Müll. Die Innereien sind die Delikatesse in der Fischsuppe. Istvan sagt: es gibt die Donaufischsuppe und die Theißfischsuppe. Die Theiß ist ein Fluss in Ungarn. Bei der Theißsuppe wird irgendetwas püriert, bei der Donaufischsuppe nicht.



Dann sagt er: dies ist ein Männchen. Wieso frage ich? Da zeigt er mir oben im Fischbauch am Rückgrat ist der Fisch voll mit einer weißen gallertartigen Masse, das Sperma. Ich frage: wo kommt es raus? Bela zeigt mir das Loch unten am Fischbauch. Er sagt: „Der Fisch hat kein Werkzeug dafür, wie der Mensch.“ Dann kommt der Kopf dran. Das Fleisch in den Wangen ist besonders zart. Oben, hinten im Rachen hat der Karpfen einen Zahn, eine Art feste Hornplatte. Damit knackt der Karpfen Muscheln, seine Nahrung. Der Zahn muss raus. Der Karpfenkopf kommt auch in die Fischsuppe. Dann wird die Schwanzflosse abgeschnitten und der Fisch quer in 7 Stücke geschnitten. Aus jedem Stück schneidet Istvan oben das Rückgrat heraus, die Rippen bleiben. Von jedem Stück werden noch seitlich die Flossen abgeschnitten. Diese Stücke ergeben paniertes Karpfenfilet, die Lieblingsspeise von Istvan. Er spült den Platz und das Holzbrett sorgfältig ab. Alles blitzblank. Er ist ein Kulturmensch. Jeden Schritt halte ich mit der Kamera fest.

Eines Tages hat Istvan im Fahrradkorb einen lebenden Aal. Der Uwe hat ihn gefangen. Er sagt, ich gehe ihn putzen, kommst du mit? Der Aal kann auch an der Luft ziemlich lange überleben. Als wir am Fischplatz ankommen sagt Ivan: zuerst töten. Er sagt, der Aal hat sieben Leben, wie die Katze. Er ist ganz schwer zu töten. Er packt das Tier, das wie eine Schlange aussieht am Schwanz und schlägt den Kopf ein paar Mal mit voller Wucht auf die Steinplatte. Dann kommt der Aal auf das Holzbrett. Er schneidet um den Kopf herum eine Kerbe ins Fleisch. Der Aal zappelt noch. Ich sage, kannst du ihn nicht ins Herz stechen, aber er sagt, das kann man nicht treffen, er stirbt nicht so schnell. Thomas kommt dazu. Istvan sagt: Thomas halt seinen Kopf fest. Thomas hält den Kopf, Ivan steht im gegenüber, packt die Haut an der eingeschnittenen Kerbe, zieht kräftig und schält dem Aal die Haut ab. Das Tier bewegt sich immer noch, selbst als der Kopf abgeschnitten ist, bewegt sich noch der komplette Aal.

Grausam finde ich die Sache nicht. Als Kind in Transsilvanien hatte ich Hühner. Es waren meine, ich sorgte für sie. Mein Vater schlachtete sie und ich war dabei: Kopf auf den Holzpflock, mit einem Axtschlag war der Kopf ab. Und mein Huhn rannte ohne Kopf, blutspritzend aus dem Hals im Hühnerhof herum. Mein Huhn musste sterben, damit wir eine Hühnersuppe hatten. Der Aal muss sterben, damit wir Fischsuppe machen können. So normal ist das.

Ich möchte mich besaufen
Ich habe mir heute im Gemüseladen Einmachgläser gekauft. Istvan sieht sie, als ich mit dem Fahrrad zurückkomme. Er sagt: die sind zu groß. Schade, dass du nicht vor einem Monat hier warst. Da waren die Aprikosen reif, die Gläser wären ideal für Aprikosenmarmelade. Er erzählt: Der Bauer, von dem sie den Hammel für das Gulasch hatten, hat eine Obstwiese mit 2000 Aprikosenbäumen. Nicht weit von hier. Dort hat er mit Tibor und Juri im Juli Aprikosen aufgesammelt vom Boden, 180 Kilo - mit der Hand. Für Schnaps. Sie haben sie direkt unter dem Baum entkernt - mit der Hand. Im Auto fingen die Aprikosen an zu gären. Das geht ganz schnell. Da muss man schnell nach Hause kommen, solange es noch geht.

Dann haben sie zu Hause in der Wohnung Aprikosenschnaps gebrannt. Das machen sie schon immer so, Tibor und Juri auch. Jetzt unter dieser Regierung ist es erlaubt. Er hat zu Hause einen Drucktopf mit Kupferrohr und Kaltwasser unten. Der Schnaps wird zweimal destilliert. Aus den 180 kg entsteinten Aprikosen entstehen 15 Liter Schnaps – barack palinka. Barack heißt Aprikose. „Össi-barack“ ist Pfirsich.

Eines Tages kommt Istvan vorbei und sagt: Gudrun komm mit, ich habe etwas aus Siebenbürgen, aus deiner Heimat! Thomas komm mit! Wir gehen in seinen Wohnwagen. Er holt eine Flasche mit violetter Flüssigkeit. Das haben Freunde von Tibor, dem Feuerhüter, aus Schäßburg/Siebenbürgen geschickt. Er schenkt ein in kleine Plastik-Becherchen. Es ist Schlehenlikör!! Hochprozentiger Alkohol mit Zucker und Schlehen angesetzt. Ich spüre, wie mir die Heimat in die Adern rinnt. Ich möchte auf der Stelle ertrinken in diesem Schlehenlikör! Wir stehen zu dritt im Vorzelt vor dem Wohnwagen und ich spüre das Leben, aber sowas von gewaltig! Die beiden Männer steigen irgendwann auf Bier um und meine Heimatflasche gehört mir.

Istvan erzählt, dass zu Hause gerade die Birnen reif sind. Das gibt feinen Birnenschnaps. Jeden Tag müsste man sie vom Boden auflesen und in einem Bottich sammeln. Aber sein Sohn, 19 Jahre alt, macht das nicht. Ja, sagt Istvan fast entschuldigend, das ist unsere Erziehung. Thomas sagt: “Weißt Du, in dem Alter habe ich auch nicht gemacht, was meinem Vater wichtig war. Es ist so." Istvan sagt: Es ist eine Schweinerei! Die schönen Birnen!

Wir reden über die ungarische Seele und die kommunistische Zeit. Istvan sagt, es gibt einen Film, der die Essenz des Lebens im Kommunismus darstellt. Sozusagen, der Don Camillo und Pepone des Kommunismus. Der ungarische Film heißt: „Der Zeuge“, von 1969, Regisseur Bacso Peter. Der Dammwächter Pelikan ist ein friedlicher, anständiger Mensch. Der Minister befördert ihn ständig in andere Posten, weil es ihm von Nutzen ist. Einmal ist er Wächter in einem Orangenhain. Wieder einmal wird ein großes Fest organisiert, mit Volkstanz, wie es im Kommunismus üblich war. Der Dammwärter soll eine reife Orange bringen. Er bringt eine Zitrone, weil er die Früchte verwechselt. Der anschließende Dialog, trifft die Essenz des Kommunismus. Der Minister sagt: das ist eine Zitrone. Der Wärter sagt: es ist eine Orange. Ok, sagt der Minister, weil man sich vor der Versammlung keine Blöße geben kann: „Wir eröffnen jetzt keinen Streit“ - es ist eine Orange. Dieser Satz: „Wir eröffnen jetzt keinen Streit… (…obwohl wir beide sehen, dass es eine Zitrone ist..), war ein gelebter Satz im Kommunismus, der schlichtweg das Leben ermöglichte.

Noch so eine Szene: Einmal brennt das Haus des Dammwärters ab. Er hat 8 Kinder. Die kommunistische Brigade kommt und baut das Haus wieder auf. Mit Eifer werden Ziegelmauern hochgezogen, aber am Ende hat das Haus keine Tür und keine Fenster. Die Brigade arbeitet ohne Hirn und Verstand, Hauptsache der Plan wird erfüllt.

Und dann: „Der Klassenkampf wird immer schärfer, die internationale Lage steigert sich“. Dieser totale Blödsinn kommunistischer Phrasen! Wer im Kommunismus gelebt hat weiß, dass es ganz genau so war. Ich war Kind im Rumänien Ceausescus, der Spitze des kommunistischen Eisbergs. Die Menschen im Westen haben keine Ahnung, was es erfordert hat, im Kommunismus zu überleben. Woher sollen sie es auch wissen, sie haben es gottseidank nicht erlebt. Diese Cleverness, das Politische im täglichen Umgang, der Kampf um Lebensmittel – jeden Tag! Überleben war letztlich nur möglich durch eines: Menschlichkeit hinter all dem Irrsinn. Zum Überleben brauchte man die Hilfe des anderen. Im Westen kann man heute auch ohne Menschlichkeit überleben. Ich denke, das ist ein Fehler.

Ostmenschen auf dem Campingplatz
Gestern haben wir Dimo kennengelernt. Dimo ist aus Ostdeutschland und macht auch mit seiner Familie Urlaub auf unserem Campingplatz. Er ist 39 Jahre alt und ist Bergmann in Ostdeutschland. Er baut im Zweischichtbetrieb Kalk ab im Bergwerk. Ich wusste gar nicht, dass es in Deutschland Kalkbergwerke gibt. Der Kalk wird in der Industrie verwendet für Farben. Für seine Arbeit erhält er 1200 Euro netto im Monat. Sie haben zwei reizende Kinder: Moritz 6 Jahre alt und Pia 3 Jahre alt. Dimo sagt: Pia ist hier auf dem Campingplatz entstanden vor 4 Jahren. Ich sage: „Menschenskinder, so ein Balatonmädchen, das wär`s doch jetzt!“ Dimo sagt: „Ich komme vorbei“. Ich erhebe mein Bierglas und proste ihm zu. Jede Frau und jeder Mann im Westen würde diesen Dialog falsch verstehen. Aber weil wir beide Ostkinder sind, verstehen wir uns ganz richtig. Und mein Mann gottseidank auch, der während dieses Dialogs mit Dimo neben mir am Tisch sitzt.

Heute ist 3 Stellplätze weiter unten ein junges Pärchen angekommen. Zu Fuß, mit dem Rucksack. Sie sind vielleicht 19 oder 20 Jahre alt. Sie haben ein kleines Iglu Zelt, das vollständig von einem Luftbett ausgefüllt ist. Davor eine Decke und einen Kartuschen Kocher mit einer Flamme. Immer wenn ich sie sehe denke ich: wenn man die Liebe hat, hat man alles. Fast alles. Gesundheit und etwas zum Beißen braucht man noch dazu.

Eintauchen in Ungarn und mich (Teil 4)

Mein frisches Mittagessen brate mir heute
Mein täglich frisch gebratenes Mittagessen heißt Langos. Eine ungarische Spezialität. Das sind Kartoffel-Hefeteigfladen, die in heißem Fett ausgebraten werden und sofort gegessen werden. Die Frau von der Braterei kennt mich schon. Eines Tages ist es kühl und windig. Es sind wenige Leute dort, so darf ich jeden einzelnen Bratschritt fotografieren. Mit den Händen formt die Frau einen 2cm dicken Fladen, von 30cm Durchmesser. Diesen legt sie in heißes Öl, das 30 cm hoch in einer riesigen Pfanne schwimmt, von 1,50 Meter Durchmesser. Der Fladen schwimmt oben und bildet sofort Blasen. Einmal wendet sie den Fladen mit einer Zange. Auf der Oberseite ist er jetzt knusprig braun. Dann wird er aus dem heißen Fett geholt und auf einen Pappteller gelegt. Jetzt kommt noch ein halber Becher saure Sahne drauf und fertig ist mein frisches Mittagessen. Am besten schmeckt mir der Langos, wenn mir das heiße Fett noch in den Mund rinnt. Was hier immer gegeben ist, denn hier wird nichts auf Küchenkrepp abgetrocknet.















Ich denke, kein Mensch hat jemals die Kalorien eines Langos gezählt. Es kann sich nur um zwei Tafeln Schokolade handeln. Es spielt auch keine Rolle, denn ich spüre: dieses Essen tut mir gut. Ich denke: ein bisschen Langos in meinem Bauchspeck anzusetzen ist nicht verkehrt.

Einen Kilometer von unserem Campingplatz gibt es einen Lebensmittelladen – ABC Markt – und einen Gemüseladen. Ich fahre öfter am Tag mit meinem Fahrrad dorthin. Nicht um etwas zu kaufen, sondern um zu riechen. Es gibt dort so viele Paprikasorten, die ich noch nie gesehen habe und Pfirsiche, Trauben, riesige Melonen und saure Gurken jeder Art. Wenn ich den Laden betrete rieche ich Ungarn. Immer wenn ich Lust habe Ungarn zu riechen, fahre ich dorthin.

Der Weg führt durch das Dorf. Man sieht hier Autos, die heißen Lada, Trabant in weiß und hellblau, Wartburg, Moskvich und Zastava. Das ist eine jugoslawische Marke. Ich fotografiere sie alle. Der Zastava stand ungünstig im Schatten für ein Foto. Der Mann parkte extra das Auto für mich um, damit ich ihn besser aufs Bild kriegte. Er klopfte auf die Karosserie und sagte: alles original, 30 Jahre alt. Diese Autos sind alles Oldtimer, aber nicht wie bei uns für die Show degradiert, sondern im täglichen Gebrauch. Ich habe auch ein Foto von mir neben dem roten Zastava. Der Fahrer hat mich fotografiert.















Sommerideen auf dem Campingplatz
Unser Bett im Wohnmobil ist 1,20 breit. Mein Mann ist nicht gerade klein. Ich schlafe in diesem Bett so gut, wie ein Säugling in der Wiege unter einem Walnussbaum. Mir kommt die Idee, unser Ehebett zu Hause zu halbieren. Oder gleich im Wohnmobil zu schlafen vor unserem Mehrfamilienhaus. Aber unsere Nachbarn würden das nicht verstehen. Die Menschen bei uns sind manchmal so kompliziert, dass es mich schmerzt.

Heute wasche ich meine Unterhosen. Von Hand. Ich verrate jetzt ein Detail aus meinem Wäscheschrank: ich habe solche weißen Unterhosen von Tchibo, die man kochen kann. Als Kind in Transsilvanien habe ich gesehen, wie die Wäsche in einem großen Wäschetopf auf dem Herd kochte. Und anschließend auf dem Waschbrett gerieben wurde. Hier gibt es aber kein Waschbrett. Da kommt mir die Idee – ein männlicher Waschbrettbauch! So einen bräuchte ich jetzt, um meine Unterhosen daran zu reiben, damit der Schmutz aus dem Stoff gewalkt wird. Aber hier auf dem Campingplatz hat niemand so einen Waschbrettbauch. Daheim in meinem Fitnessstudio schon. Aber da brauche ich ihn nicht.

Mein Geburtstag auf der Csarda
Es ist der 12. August 2011. Heute vor 43 Jahren weniger 3 Tagen bin ich geboren. Circa 600 km weiter östlich von hier. In Heltau/Siebenbürgen (Transsilvanien). Ich denke: das ist nicht verkehrt. Meine Wurzeln sind dort und diese Wurzeln haben es in sich! Ich überrasche mich immer wieder selbst. Thomas fragte mich vor ein paar Tagen: was wünschst Du Dir zum Geburtstag? Ich sage: Nichts. Ich bin hier im Zentrum des Universums und meines Seins angekommen. Hier ist alles drin. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht.

Ich wollte meinen Geburtstag auf der Csarda feiern (gesprochen: Tscharda). Eine csarda ist ein traditionelles, folkloristisches Restaurant. Die Ungarn waren früher ein Reitervolk. Die Räuber (die Betyaren) feierten und tanzten nach gelungenem Raubzug in der Csarda. Das weiß ich von Istvan. Sie kämpften mit ihren Banden Mitte des 19. Jahrhunderts gegen die kaiserliche Macht der Habsburger. Eine Csarda fernab jeder Siedlung war der ideale Zufluchtsort. Manche stand direkt an der Grenze zwischen zwei Ländereien. Wenn der Gendarm erschien, ging der Räuber einfach auf die andere Seite des Raums und war in Sicherheit.

Es gibt hier eine Csarda, außerhalb unseres Dorfes. Sie ist genauso, wie ich es erahnt hatte: ein Gehöft mit Gänsen, Hühnern, 2 Eseln, Pferden und Schafen. Großen Walnussbäumen. Es gibt kleine Holzhäuschen mit Holztischen. Darauf Folkloredeckchen. Ich fotografiere alles.
Einen fantastischen Blick auf den Balaton See weiter unten. Wir waren dort vor ein paar Tagen zum Essen. Ich hatte mir vorgestellt, an meinem Geburtstag hier zu sitzen in einer bestickten ungarischen Trachtenbluse (die ich noch nicht habe). Unter mir schimmert der Balaton See und vor mir schimmern die Augen meines Mannes. Und ein feuriger Zigeuner spielt Geige. Ich fragte den Kellner, ob hier auch manchmal Musik spielt. Er sagte: seit 6 Jahren nicht mehr. Es waren Zigeuner (Roma). Sie spielten und dann gingen sie an die Tische und baten um Geld. Das ist mir klar. Die Gäste, darunter viele Touristen, fühlten sich belästigt. Das ist mir völlig klar. Ich denke: Scheiße aber auch, dass die Gäste dieses Handicap haben! Jetzt spielen sie hier nirgends mehr am Balaton. Jetzt spielen sie in Paris in der Metro. Ich denke: Im Osten ärgern sich die Leute auch, wenn sie belästigt werden. Aber sie können damit umgehen. Sie lassen es nicht zu. Ohne Zigeunermusik will ich meinen Geburtstag nicht in der Csarda feiern.

Anglerstimmung am Morgen
Ich angle jetzt auch. Jeden Abend vor dem Einschlafen kann ich nicht erwarten, dass es hell wird. Dann gehe ich hinaus auf unseren Holzsteg. Das Licht ist zu dieser Stunde noch rosa-violett. Wenn die Sonne langsam höher steigt, wird der See in ein warmes, gelbes Licht getaucht. Im Schilf neben mir lebt und raschelt es schon. Die Rapfen springen aus dem Wasser und tausende von Wasservögeln beginnen ihr Morgenkonzert. Ich bin jetzt die Hüterin über zwei Angelruten von Ivan. Für den Rest des Urlaubs gehören sie mir.

So sitze ich auf dem Holzsteg zusammen mit Vera. Vera ist 17 Jahre alt, eine Ungarin mit roten Haaren, die ein paar Brocken Englisch spricht. Wir reden aber nicht, ich beobachte sie. Vera ist begabt, sie ist eine Meisterin im Angeln. Sie hütet sechs Ruten gleichzeitig. Sitzt entspannt auf ihrem Klapphocker. Aber nur scheinbar. Sie hat alle Ruten im Blick, ohne Bissanzeiger. Das ist ein Ring, den man in die Schnur einhängt. Wenn der Ring nach oben schnellt weiß man, dass der Fisch beißt. Aber Vera braucht keinen Bissanzeiger. Wenn eine Schnur sich etwas anspannt, schlägt sie zu. Reißt die Rute hoch, damit der Fisch sich einhakt. Heute Morgen wirft sie alle Fische wieder zurück, sie sind zu klein. Einmal holt sie einen 3 kg Karpfen aus dem Wasser. Den hat sie behalten.

Mich beeindrucken die ungarischen Mägen. Wenn wir abends zusammen sitzen, wird alles durcheinander getrunken. Ständig bringt jemand einen Wein, in Plastik-Wasserflaschen abgefüllt vom Weingut. Roten, Weißen. Dazwischen immer wieder Bier, Unicum, das ist ein ungarischer Kräuterlikör. Alles wird so getrunken, wie es kommt. Und nicht zu knapp. Im Geiste sehe ich sie alle kotzen. Am nächsten Morgen kommt Istvan auf den Holzsteg, wo ich meine Angel hüte. Topfit, mit einer Bierdose in der Hand!

Am Nachmittag ist mir langweilig. Ich laufe hinüber zu Istvan, der auf der Liegewiese sitzt und sich mit einem Paar aus dem Elsass unterhält. Vor sich im Gras liegt eine Halbliterflasche mit orangener Flüssigkeit. Es stellt sich heraus, es ist Tokajer von ihm und Tibor gemacht, 11 Jahre alt. Sie haben mit Tibor und ein paar Freunden 1000 Liter Tokajer auf einem Weingut in Tokaj. Er sagt: „In einem Plastikfass von einem Kubik“. Ich sage: „Istvan können wir bitte hinfahren und das Fass anschauen?“ Istvan sagt, es ist zu weit. Tokaj liegt 400 km von hier nahe der ukrainischen Grenze. Man bräuchte 2 Tage. Er sagt: „Hinfahren, gut besaufen und wieder zurück“. Immer wenn er von Besaufen spricht, ist es ein gutes Besaufen. Ich denke: diese Ungarn können leben. Sie besaufen sich aus Lebensfreude, nicht aus Blödheit.

Istvan erzählt mir, wie man Tokajer macht. Vor dem 10. Oktober darf man den Tokajer nicht ernten. Dann pickt man nur die verschimmelten Beeren von der Traube mit der Hand. Die kommen in ein Fass und darauf kommt der Wein vom Vorjahr. Der Zuckergehalt in diesen Trauben ist außerordentlich hoch und der Schimmel ist eine Edelfäule. Der Tokajer ist ein Dessertwein und wird außerordentlich alt. 100 Jahre sind kein Problem. Das 1000 Liter Fass ist gut angelegt. In den Tokajer dürfen nur 3 Traubensorten: Muskateller, Riesling und Lindenbaum. Ich wusste nicht, dass Lindenbaum eine Traubensorte ist.

Am Abend feiern wir zusammen den Abschied von Dimos Familie. Mit seinen Freunden, Istvan und Erika, Uwe dem Zander-Angler, dem Paar aus dem Elsass und wir beide. Wir haben zusammen Letscho gekocht im Kessel von Ivan. Letscho ist ein Paprikagulasch. Ivan war der Küchenmeister. Für Letscho sagt er, brauchst du Paprika, die so sind wie eine alte Frau: faltig und runzlig, rot und ganz süß. Solche Paprika gibt es am besten im September.

Eintauchen in Ungarn und mich (Teil 5)


Bei Istvan zu Hause nördlich von Budapest
An dem Tag, als Istvan mir meinen Heimatschnaps kredenzte sprach er die Einladung aus: Gudrun, Thomas, habt ihr Lust zu mir nach Hause zu kommen? Dann könnt ihr meine Kinder kennenlernen, ich zeige euch mein Haus und meine Stadt. Sie liegt 2,5 Stunden Fahrt von hier ca. 30 km nördlich von Budapest. Fast entschuldigend sagt er: Erika (seine Frau) kommt nicht mit. Sie macht Frauenwochenende mit Tibors Frau und einer anderen Freundin, die noch kommt, hier auf dem Campingplatz am Balaton. Ich sage Istvan, Frauenwochenenden sind heilig, das ist kein Problem. Dann fahre ich mit euch 2 Männern. 

Wir fahren mit unserem Wohnmobil. Bevor wir losfahren will ich noch in den ABC Laden. Ivan sagt, Edith hat etwas zum Essen zu Hause gelassen, wir brauchen nichts. Ich denke: eine Frau braucht Brot im Haus. Dieses Wohnmobil ist mein Haus. Ohne Brot fahre ich nicht. Ich kaufe Brot, eine Salami und Tomaten, während die beiden Männer im Auto warten. Im Abendrot überqueren wir in Budapest die Donau über die Petöfi Brücke. Ich war schon oft geschäftlich in Budapest, aber noch nie so glücklich wie an diesem Abend.

Im Dunkeln erreichen wir Istvans Haus, ca. 30 km nördlich von Budapest. Unser Wohnmobil fahren wir in den Hof hinein. Die beiden Kinder Peter und Susi sind nicht zu Hause. Istvan hat einen Schlüsselbund mit unzähligen Schlüsseln, aber wir können nicht rein. Eine Tür ist von Innen zugeschlossen und er hat keinen Schlüssel für die Hintertür. Er sagt, ich schlage die kleine Scheibe in der Tür ein. Ich sage, Istvan das kommt nicht in Frage, dass wir in dein Haus einbrechen. Es reicht schon, wenn die Zigeuner ständig bei dir einbrechen. Das hatte er erzählt. Jetzt haben alle Fenster Gusseisengitter davor. Einmal hat er selbst den Schlüssel in der Tür vergessen und sein Auto war weg. Am Abend hat die Polizei es wieder gebracht. Das war ein Riesenglück. Die Banditen wollten es am selben Tag verkaufen und flogen auf. Seitdem kann man sein Auto nicht so einfach starten. Er hat zwei Kontaktpunkte eingebaut, die man noch zusätzlich zum Zündschlüssel aktivieren muss.

Wir stehen vor dem verschlossenen Haus im Dunkeln. Istvan sagt, Susi meine Tochter (sie ist 17 Jahre alt), macht Picknick mit Freunden an der Donau. Sie hat den Schlüssel. Wir fahren und suchen sie in den Donauauen. Es ist stockdunkel, circa 9 Uhr abends. Ich sage: mit leerem Magen finden wir niemanden an der Donau. Jetzt essen wir zuerst. Mein Brot, die Salami, die Tomaten wecken die Lebensgeister. Ich denke: es war goldrichtig, das Brot zu kaufen. Ich sollte immer nach meiner Intuition leben. Aber zu Hause ist das nicht so einfach, weil die äußeren Strukturen mich verblenden.

Wir suchen Susi in den Donauauen nur 1 km von Ivans Haus entfernt. Nur das Mondlicht scheint, es gibt keine Lampen. Überall knutschen junge Leute hinter Büschen. Ich denke: Mensch haben die es schön! Istvan erkennt einige Schüler. Er ist Lehrer hier am Ort in der Mittelschule. Susi finden wir nicht. Ich sage, Istvan wir haben auch Mobiltelefone. Damit rufen wir Istvans Eltern an, die Susis Nummer haben und im Nu ist sie zu Hause. 

Am nächsten Tag als es hell wird, sehen wir das Haus erst richtig. Es ist eine gelbe Villa in einem 1300 Quadratmeter großen Obstgarten. Das Haus hat Ivans Großvater gehört. Die Villa besteht aus einem Erdgeschoß mit 4 Zimmern und einer Küche. Die Decken sind 3,10 Meter hoch. Alles ist liebevoll und geschmackvoll eingerichtet. Außen am Haus geht eine Treppe in den Keller hinunter, der eine Schatzkammer ist: voller Einmachgläser, Schnaps in Plastik-Kanistern, Gurkenfässer. Mit einem Blick erkennt Ivan, dass der Pegel in seinem Aprikosen-Schnaps Kanister deutlich gesunken ist. Er war seit 5 Wochen nicht mehr zu Hause und die Kinder hatten sturmfreie Bude. Er sagt: „Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse.“ Er ärgert sich. Nicht weil der Schnaps fehlt, sondern weil die Kinder nicht mithelfen und die Birnen auf dem Boden verfaulen lassen.

Er fragt Paul seinen Sohn (19 Jahre), was mit seinem Palinka passiert ist. Paul sagt, frag meine Schwester. Susis Antwort ist verblüffend. Sie sagt nur einen Satz: „Du warst nicht zu Hause.“ Und meint damit: Es ist deine Schuld, wenn du nicht auf deinen Weinkeller aufpasst, denn meine Freund kann ich nicht bewachen. 

Wir verbringen zwei wundervolle Tage mit Istvan. Er zeigt uns sein Städtchen, wir fahren ans Donauknie nahe der slowakischen Grenze. Dort macht die Donau einen Bogen wie ein Knie. Wir fahren durch Dörfer nahe der slowakischen Grenze. Die Landschaft ist hier wie in Siebenbürgen am Karpatenbogen: hügelig, grün, es gibt einen 900 Meter hohen Berg. Wir sehen eine Herde ungarischer Graurinder mit den langen Hörnern, das ungarische Zackelschaf. Wir essen in einem Dorf Portionen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Für eine Person gibt es 3 Schnitzel von 1 cm dicke, 2 Schaschlik Spieße, gebratenen Speck, 500 g Reis, Kartoffeln, Pommes, saures Gemüse. Das können selbst die Ungarn nicht alles essen und so wird selbstverständlich der Rest eingepackt. Hier schmeißt man nichts weg. Ich fotografiere alles.



Am späten Nachmittag sind wir wieder bei Istvan zu Hause. Und jetzt wird eingekocht in meine Einmachgläser. Wir kochen Letscho in Ivans Küche. Am Morgen hatten wir auf dem Markt 4 Kilo Paprika, 2 Kilo Tomaten, 1 Kilo Zwiebeln gekauft. Ich bin die Hüterin über die Einmachgläser und Ivan über den 10 Liter Topf. Susi hilft mit, die Paprika zu schneiden. Die ganze Küche riecht verführerisch nach Ungarn und das alles kommt jetzt in meine Einmachgläser. Bevor ich mich umsehen kann hat Istvan in den schönen Topf ein weißes Pulver gestreut – Natrium Benzoat, E211 Konservierungsmittel. Ich denke: mein schönes Bio-Essen! Aber so deutsch darf ich hier nicht denken! Wir sind in Ungarn, hier wird so eingekocht und die Sache schmeckt wie ein verführerischer Zigeuner. Basta.

Ich gratuliere mir zum Geburtstag
Es ist der 15. August, mein Geburtstag. Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Ich denke: das ist eine interessante Zahl. Als erstes gratuliere ich mir selbst. Ich sage mir: Gudrun, gesund bleiben, gerade stehen (als erstes vor mir selbst) und immer nach vorne schauen! Der Rest fügt sich. Das Leben ist interessant und hinter jeder Sache und jedem Menschen liegt eine tiefere Ebene, die erforscht werden will. Also, ran an den Speck!

Dann rufe ich meine Eltern an, damit sie mir gratulieren können. Das ist Tradition. Als ich mein Handy einschalte, sehe ich, dass meine Mutter schon probiert hatte mich anzurufen. Zu Hause ist alles bestens, das Wetter ist schlecht und kalt. Ich nehme noch eine Paprikabestellung auf, die ich mit nach Hause bringen soll. Ich erzähle meiner Mutter die Sache mit dem Natrium Benzoat in meinem Letscho und sie beruhigt mich. Sie sagt, das kann man essen, sie macht aber keins rein, wenn sie einkocht.

Am Vormittag kaufen wir ein mit Istvan für mein Geburtstagsfest. Ich habe 8 Gäste eingeladen vom Campingplatz. Wir werden Fisch-Pörkölt kochen mit unserem Aal, Karpfen und Hecht. Istvan hat heute Morgen den Hecht geangelt und wir beide haben ihn zusammen ausgenommen. Wir fahren in eins der Nachbardörfer aufs Weingut und holen Wein in Plastik-Wasserflaschen. In der Konditorei esse ich mit Ivan und Thomas Torte und Kuchen, weil ich an meinem Geburtstag einen Kuchen essen will. Esterhazy Schnitten, die werden ohne Mehl gemacht nur mit Walnüssen im Teig. Dobos Torte haben sie heute leider nicht, die hat oben einen Deckel aus gebranntem Zucker. Ischler haben sie heute auch nicht. Solche wollte ich auch essen. Aber egal, meine Mutter macht eh die besten.

Am späten Vormittag kommt Thomas mit einem genialen Geburtstagsgeschenk: ein 23 Liter Plastikkübel, in den ich Gurken einlegen kann! Seit ich die Gurken bei Ivan im Keller probiert hatte, habe ich nach so einem Kübel gejammert. Ich sage: “Erika kennt das Rezept, hier gibt es alle Zutaten, Gurken, Paprika. Es wäre ein Fehler ohne eingelegte Gurken nach Hause zu fahren.“ Jetzt hat Thomas im Anglerladen so einen Kübel organisiert. Es gibt noch Wunder auf dieser Welt!

Um 18 Uhr koche ich mit Istvan Fisch Pörkölt. Er hat die Idee, noch Pilze hineinzutun, die er selbst gesammelt hat und in seiner Tiefkühltruhe im Wohnwagen eingefroren hat. Der Topf duftet verführerisch. Uwe der Zander-Angler kommt dazu. Er sieht den Topf und sagt: „Wir landen entweder im Krankenhaus wegen Pilzvergiftung oder in der Ausnüchterungszelle wegen des Alkoholpegels.“ Istvan versichert, dass er nicht vorhat, sich umzubringen. Wir sitzen zu neunt an einer großen Tafel aus aneinandergereihten Campingtischen vor unserem Holzsteg am Schilfufer. Das Paar aus dem Elsass hat einen wunderbaren Salat mitgebracht. Ich denke an einen Spruch, den ich auf einem Teebeutel gelesen habe: „Wer die Menschen liebt, hat immer eine große Familie.“ Wir haben alles was wir brauchen. Ich denke: jetzt noch mein feuriger Zigeuner mit der Geige! Aber das Leben ist keine Torte und die Sehnsucht ist die Würze. Ich denke: eine Prise Sehnsucht schadet nicht, denn die Sehnsucht ist eine starke Kraft.

Am Tag nach meinem Geburtstag betrinke ich mich. Ich war nie ernsthaft gefährdet, aber diesmal lässt es sich nicht vermeiden. Es ergibt sich, dass Ivan, Tibor, sein Freund der Feuerhüter und Thomas um 8 Uhr abends vor Ivans Wohnwagen stehen. Istvan holt den Quittenschnaps hervor. Ich beobachte die Szene und verziehe mich auf den Holzsteg. Um 10 Uhr gehe ich ins Bett. Aber ich kann nicht einschlafen. Mir ist so kalt und ich spüre, dass ich Halsweh kriege. Um Mitternacht stehe ich wieder auf und gehe hinüber zu den drei Männern. Sie haben alle drei schon ordentlich getankt. Tibor sieht mich und sagt: “Du frierst. Du kommst deinen Mann abholen. Dir fehlt die Heizung.“ Ich sage: ganz genau.

Ich habe meine Flasche Schwedenbitter von meiner Mutter mitgenommen. Das ist 38%iger Doppelkorn mit Schwedenkräutern angesetzt. Meine Medizin in allen Lebenslagen. Davon trinke ich erst mal einen Schluck und in den nächsten 2 Stunden insgesamt ein viertel Liter. Die Russen haben ein Sprichwort: wenn du es wagst, dich zusammen zu betrinken, dann kann man dir vertrauen. Dann sagst du die Wahrheit. So ist es. Wir sind eine verschworene Vierer Gemeinschaft unter dem Mondschein und alle nicht mehr nüchtern. Unglaubliches tritt zu Tage!

Dann geht neben uns im Schilf der Zirkus los. Unzählige Wasservögel sind in Aufruhr. Wir gehen 3 Meter hinüber vor das Schilf. Da rennt plötzlich ein Tier aus dem Schilf hervor so groß wie ein Hund und schießt wie ein Torpedo zurück ins Wasser. Es war ein riesiger Fischotter, der sich eine Ente geschnappt hat.

Am nächsten Tag kann ich nicht aufstehen. Ich glaube, ich muss sterben. Ich verbringe den ganzen Tag im Bett. Die Menschen auf dem Campingplatz erkundigen sich nach mir. Ich fehle auf dem Holzsteg, ich laufe nicht mehr über den Campingplatz. Der Holländer sagt: „Es soll dir eine Lehre sein. Das sollst du nicht mehr machen.“ Das weiß ich selbst, ich kann Schnaps nicht mehr riechen. Aber trotzdem war es schön.

Fressen wir´s jetzt oder was ?
Es ist der letzte Abend. Die milde Abendsonne streichelt den Balaton See. Ich sitze auf unserem Holzsteg und lasse die Füße über das Wasser baumeln. Das Schilf wiegt sich mit den Wellen und den Härchen auf meiner Haut im gleichen Rhythmus. Die Fischchen machen ein Feuerwerk für mich: im Schwarm springen sie alle gleichzeitig aus dem Wasser, jedes in eine andere Richtung. Die Wasserschlange, die unter dem Holzsteg wohnt, schwimmt heran. Sie ist 60 cm lang. Als sie unter meinem großen Zeh den Kopf aus dem Wasser streckt, ziehe ich instinktiv meinen Fuß nach oben. Sie erlaubt mir noch, sie in voller Schönheit zu fotografieren, dann taucht sie weg.


Ich bin so glücklich und so traurig zugleich. Als hätte ich das Kostbarste auf der Welt gefunden und wieder verloren. So ist das Leben. Ich singe mit Peter Maffay: Über sieben Brücken musst du gehen, sieben dunkle Jahre überstehen...

Ich schaue an meinem Körper herunter: Meine Haut ist schwarz, ich war hier immer draußen. Ich habe blaue Flecken an den Knien, am Unterarm, am Rücken. Ich war einmal aus dem Wohnmobil gefallen. Hatte die Fußmatte als Rutschbrett benutzt. Mit lautem Getöse war ich hinausgedonnert. Der Holländer ein paar Stellplätze weiter fragte: „Ist alles heruntergekommen?“ Ich sagte unter Tränen: „Ich bin heruntergekommen“. Dann war es wieder gut. In meinen Körper hinein kann ich nicht schauen, aber ich spüre: ich bin „pumperlgsund.“ Ich denke an alles, was ich hier erlebt und gelernt habe. Ich habe in diesem Urlaub kein Buch gelesen, ich habe das Leben gelesen.

Da fällt mir ein Cartoon ein, den ich so liebe. Ich beschreibe die Zeichnung: 3 Geier stehen an der Straße, vor sich ein totgefahrenes Tier mit Fell. Ein Geier sagt: „Es ist ein Wüstenfuchs. Ich sage es ist ein Wüstenfuchs!“. Der zweite Geier sagt: „Ein Wüstenfuchs?“ Der Dritte sagt: „Fressen wir`s jetzt oder was?! Ich habe diesen Cartoon schon Leuten erzählt und sie haben ihn nicht verstanden. Der Punkt ist: sie sind alle Geier, deren Bestimmung es ist, Aas zu fressen. Was spielt es für eine Rolle, was dieses tote Tier ist? Dieses Herum-Rechten? Der dritte Geier hat´s erfasst. Der Punkt ist: Wir sind alle Menschen, deren Bestimmung es ist, Mensch zu sein - fressen wir´s jetzt oder was?!

Ich danke den Menschen auf dem Campingplatz und dem Balaton See, dass ich dies erleben durfte. Und ganz besonders Istvan, der mir seine ungarische Seele gezeigt hat und mich so viel über das Leben gelehrt hat.



1. August 2011

Die Kraft des Zigeuners




Als Kind in Transsilvanien, ging ich jeden Tag auf dem Schulweg an den Planwagen der Zigeuner vorbei. So sagte man in Rumänien, nicht Roma und so nannten sie sich selbst stolz: Tigan. Ich beobachtete sie genau, die vielen Fliegen auf ihren Pferden im Sommer.

Heute weiß ich, was ich sah:

Der Zigeuner steht in seiner Kraft, die tief von Innen kommt. Jeden Tag wieder neu. Weil er sie braucht zum Leben und nutzt zum Leben. Weil er im Außen so wenig braucht. Alles was er braucht, passt auf seinen Planwagen: ein paar Kessel zum Kochen, die Pferde, die seinen Wagen ziehen. Darauf die Arbeit seiner Hände: die Körbe und Besen, die er geflochten hat, die Beeren, die er gesammelt hat, die Löffel, die er geschnitzt hat – sein Lebensunterhalt. Darauf die Liebe, seine Familie – die Frau mit dem Säugling an der Brust, seine Kinder, die auf den Körben sitzen. Am Abend spürt er die Kraft seiner Sippe, musiziert und tanzt zusammen unter den Sternen. So sitzt er und hält die Zügel seiner Pferde und seines Lebens in der Hand und spürt sich selbst in Gottes Hand. Das verleiht ihm Macht und Stolz und Würde. Was für eine schöne Kraft!

Im Inneren fühlen wir alle die Sehnsucht nach dieser Kraft tief in uns. Es wäre ein Fehler, dieser Sehnsucht nicht nachzugehen.

1. Juli 2011

Sie haben sich gefunden - Christine und Sebastians Hochzeit am 25. Juni 2011

Christine und Sebastian heiraten morgen
Wir fahren nach Berlin weil Christine und Sebastian morgen heiraten und sie mit uns diesen besonderen Tag in ihrem Leben verbringen möchten. Um 18 Uhr kommen wir an in ihrer Wohnung im Stadtteil Neukölln. Sie bewohnen zwei Zimmer in einer Dreizimmer-WG, das dritte Zimmer bewohnt Katha. Im 4. Stock, Altbau, hohe Decken, breite Holzdielen auf dem Boden. Das Bad ist so klein, dass man selbst im Vollrausch nicht umfallen kann. Wenn man am Waschbecken steht, spürt man die Wand hinter sich. Am Kühlschrank kleben kleine Magnetdöschen mit Gewürzen drin. Wer das erfunden hat, versteht die Bedürfnisse von WGs. An Christines Zimmer hängt ein Zettel: „Der Mensch ist dafür gemacht, dass er lebt, nicht dass er existiert. Jack London“. Sebastian, der Bräutigam, bügelt gerade ein Hemd. Er muss zur Abifeier seiner Klasse. Er ist Gymnasiallehrer – Studienrat, er unterrichtet Deutsch und Politik in der Oberstufe.

Das Laika: Kneipe – Kiez – Kultur
Danach gehen wir ins Laika. Diese Kneipe liegt in derselben Straße wie Christines und Sebastians Wohnung. Das Laika hat Sebastian gegründet mit 3 anderen Freunden vor 3 Jahren. Sie haben alles von Hand selbst renoviert, es waren keine Sanitäranlagen drin, keine Fußböden. Die Möbel, - Holztische, Holzstühle - haben sie von Freunden und Bekannten besorgt. Es gibt ein gemütliches Sofa. An den Wänden hängen tolle großformatige Fotografien. Immer wieder stellen Künstler hier aus. Es gibt einen Nebenraum, in dem immer wieder Bands spielen oder Aufführungen stattfinden.

Heute Abend gibt es einen „Poetry Slam“. Was bitteschön ist das? Ich gehe schnell rüber in den Nebenraum, als die Veranstaltung beginnt. Darin sind ca. 30 Menschen, hier aus dem Kiez, aus einem sozialen Milieu, welches ich nicht bei meinen Geschäftsessen antreffe.

Da wird ein Mensch Namens „Konserve“ auf die Bühne gerufen. Konserve stellt sich hin und trägt gefühlte 15 Minuten ein Gedicht vor, das er selbst erfunden hat. Der Titel: „Ich erschaffe den Mann von Welt.“ Er beschreibt diesen „Mann von Welt“, seine Charaktereigenschaften und Widersprüche in einer sprachlichen Brillanz, die mich berührt. Diese Kreativität! Ich bin baff von Konserve!! Am liebsten will ich Konserve fragen, wie er lebt, was er den ganzen Tag macht, aber es ergibt sich nicht.

Danach gehe ich wieder hinaus zu unserer Hochzeitsrunde. Da sind - Thomas, Stefan und seine Freundin Julia, Alice, ihre Oma Ursula, Christines Trauzeugin Karin aus Rottenburg und einige Freunde von Christine u. Sebastian. Da kommen auch Angelika und Ulrich - Christines Mutter und ihr Mann herein. Sie haben vor 2 Tagen in Dänemark geheiratet und zeigen stolz ihre Hochzeitfotos. Ich werde ein bisschen wehmütig und denke, dass ich schon lange nicht mehr geheiratet habe. Und noch keinen Heiratsantrag auf dem Eiffelturm in Paris bekommen habe. Darauf hatte mich mal eine Kollegin gebracht. Ich sage es Thomas und er sagt, das lässt sich bei Gelegenheit machen.

Apropos heiraten: Mein Kollege in Indien hat mich diese Woche zu seiner Hochzeit nach Indien eingeladen. Er weiß, dass er in 8 Monaten heiraten wird, er weiß aber noch nicht wen. Seine Mutter sucht für ihn eine Braut. Unvorstellbar für uns! Andererseits, wenn man bedenkt wieviele Ehen in der westlichen Welt auseinandergehen - wer mag da schon urteilen? Mein Kollege ist überzeugt, dass seine Mutter die Liebe seines Lebens finden wird. Er will eine Liebesheirat, das ist ganz klar. Das weiß ich, weil er mir das geschrieben hat. Ich bleibe dran, an dieser indischen Liebesgeschichte. Morgen geht es aber um ein anderes Paar, die Liebesgeschichte von Christine und Sebastian.

Die standesamtliche Trauung am 25. Juni 2011
Um 9:30 ist die Trauung auf dem Standesamt in Neukölln. Ein wunderschönes Gebäude, roter Backsteinbau, wie ein kleines Schlösschen mit gepflegtem Park davor. Christine sieht wunderschön aus in einem 60er Jahre Minikleid in weiß mit Stehkragen, ärmellos, das Muster lauter weiße Blumenspitze. Die Haare hochgesteckt. Als wir den Raum betreten ertönt Musik – „Just the two of us“. Der Standesbeamte hält eine wirklich schöne Rede. Er spricht von der Kraft der Liebe, gegenseitigem Respekt und Achtung. Er spricht davon, dass im Laufe der Jahre immer neue Seiten in der Persönlichkeit des anderen hervorkommen. Manche mag man, manche nicht. Er wünscht den beiden, dass ihre Liebe immer stärker sein möge, als die Herausforderungen, die das Leben für sie bereithalten wird. Sie geben sich das „Ja-Wort“ und stecken sich gegenseitig die Ringe an. Sie sind beide gerührt, wie wir alle. Es ist wie immer ein ganz besonderer Moment.

Dann wird Herr Heinrich nach vorne geben zum Unterschreiben. Jawohl – richtig gehört!! Sebastian hat Christines Namen angenommen! Was für eine Geste der Liebe an seine Frau! Weil sie beide einen gemeinsamen Namen haben wollen und Christine Krause zu holprig geklungen hätte.

Ich denke: In der Generation meines Vaters haben die Männer nicht gekocht. In meiner Generation kochen die Männer. Und die Frauen heiraten die Männer samt ihren Kindern aus erster Ehe. Meine Generation ist die Patchworkfamilien-Generation. In Christines Generation, nehmen die Männer die Namen ihrer Ehefrauen an. Christine und ich sind nur 14 Jahre auseinander.

Nach dem Standesamt gehen wir wieder ins Laika zum Brunch. Drei große Holztische werden aneinander gerückt. Sebastians Mutter hat weiße Stofftischdecken mitgebracht, weil Sebastian Stofftischdecken mag. Sein Bruder bedient die Espressomaschine. Die Sonne scheint durch die großen Fenster. Nur die Hochzeitsgesellschaft sitzt in der eigenen Kneipe. Christine erzählt, wie die beiden sich kennengelernt haben. Genau hier, in diesem Raum vor 1,5 Jahren. Beim Kickerspielen. Wenn man verliert, muss man einen Schnaps trinken. Sebastian sagt, er hat ihr an jenem Abend sehr viele Schnäpse ausgegeben. Er schmunzelt und sagt: „Tja, eine Kneipe musst du haben! Mein Schwiegersohn hat Witz!! Ich mag ihn sehr! Ich will wissen, wer, wem einen Heiratsantrag gemacht hat. Christine erzählt, dass sie darüber gesprochen haben und beide sich einig waren. Stefan, Christines Bruder sagt: Christine, du hast mir gesagt, dass es von Sebastian ausging. Sebastian schaut Christine an, grinst und sagt: Hättste gern gehabt, was?

Christine damals und heute
Als ich Christine kennenlernte war sie 12 Jahre alt, ich 26 und die neue Frau an der Seite ihres Vaters. Christine war immer höflich zu mir, freundlich distanziert. Aber unter ihrer distanzierten Oberfläche brannte Feuer im Vulkan, das unverhofft ausbrechen konnte wie der Äthna. Christine hat mir nie etwas Persönliches erzählt, dazu war ihr Beziehungsnetz anders geknüpft. Aber sie akzeptierte mich von Anfang an in der Rolle, in der ich schließlich zu ihnen gezogen war, als die neue Liebe ihres Vaters. Welche Rolle ich den 3 Kindern gegenüber hatte oder hätte einnehmen sollen, wusste ich ja selbst nicht. Christine aß damals kein Fleisch und keine Wurst, nur Käse. Heute isst Christine nur Fleisch und Wurst, keinen Käse. Alles hat seine Zeit. Christine war und ist die Stilberaterin in unserer Familie, in allen Modefragen und allen Fragen des guten Geschmacks. Ihr Rat wird von uns allen immer sehr geschätzt. Sie macht mir ein Kompliment zu meinem schönen dunkelblauen Kleid, das ich anhabe. Jetzt ist aus diesem 12jährigen Mädchen eine wunderschöne, glückliche Ehefrau geworden.

Mit dem Schiff vom Treptower Hafen zum Müggelsee
Um 14 Uhr machen wir uns alle auf den Weg zum Treptower Hafen. Mit dem Schiff fahren wir an gepflegten Villen vorbei nach Köpenick und von dort zum Müggelsee, dem größten See Berlins. Noch größer als der Wannsee. Als wir unter einer Brücke hindurchfahren hängt darauf ein Transparent: „Wir wünschen euch alles Gute auf eurem gemeinsamen Weg“. Das waren Freunde von Christine und Sebastian, die die beiden mit dieser netten Geste überrascht haben.

In Sebastians Familie sind alle Geisteswissenschaftler. Sebastian ist das mittlere Kind von 3 Kindern, wie Christine. Sein großer Bruder heißt auch Stefan, wie Christines Bruder. Das macht die Sache einfach für uns. Sebastians großer Bruder Stefan hat Romanistik und Germanistik studiert und promoviert. Auf dem Schiff höre ich, wie er mit seiner Frau spricht – auf Ungarisch! Es stellt sich heraus, dass seine Frau Ungarin ist und er selbst gerade Ungarologie studiert, also ungarische Sprache und Literatur. Was man als Mensch alles machen kann! Er unterrichtet Germanistik an der Universität in Stettin, Polen. Und es stellt sich heraus, er liebt Siebenbürgen - wegen der Kultur, der Geschichte, der Landschaft und den Menschen. Er war schon oft in Rumänien an den Orten, die ich auch liebe. Er bedauert, dass er kein Rumänisch spricht, er sagt er kommt nicht wirklich nah genug dran an die Essenz dieses Landes, ohne die Sprache und seine Literatur zu verstehen. Als wir uns am Abend verabschieden sagt er „Noapte Buna“ zu mir, Gute Nacht auf Rumänisch! Sebastians kleiner Bruder Martin, hat interkulturelle Kommunikation studiert und organisiert Kulturevents in Halle an der Saale.

Nach der Schifffahrt machen wir einen einstündigen Spaziergang am Seeufer unter hohen Bäumen. Danach erwartet uns das Restaurant „Domaines“ am Ufer des Müggelsees zu einem wunderbaren 4-Gänge Menü. Wir sitzen alle 18 Personen an einer großen Tafel, in der Mitte das Brautpaar. Immer wieder klopft jemand ans Glas, dann muss sich das Brautpaar küssen. Martin, der kleine Bruder von Sebastian ist ein Spaßvogel. Immer wieder klopft er ans Glas, vor allem wenn das Brautpaar den Mund voll hat. Die beiden küssen sich und Martin sagt: „das reicht jetzt aber auch.“ Christine sagt: weiterklingeln! Und versinkt in den Lippen ihres jungen Ehemannes. Martin sagt: „Haste nich jesehn – wa?“

Für uns war es ein wunderschöner, intensiver, unvergesslicher Tag mit liebevollen Menschen - unserer neuen Familie. Wir werden uns nächstes Jahr alle zur kirchlichen Trauung wiedersehen und wir freuen uns schon jetzt darauf!

Am nächsten Morgen treffen wir uns um 9 Uhr früh im Laika zum Frühstück. Wir haben noch eine lange Fahrt vor uns nach Hause. Sebastian sagt, sie haben bis 6 Uhr früh hier im Laika gefeiert mit Freunden. Sebastian ist aufmerksam, umsichtig, er deckt den Tisch, macht Kaffees für uns alle an der Espressomaschine. Er sorgt dafür, dass wir uns wohl fühlen. Trotz Augenringen und einiger Gedächtnislücken. Er weiß nicht mehr, wer die Gläser vom Tresen abgeräumt hat, der im Laufe der Nacht zur Tanzfläche wurde. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von dem glücklichen jungen Ehepaar.

Mein Hochzeitssouvenir
Ach ja, da war noch was. Mir gefallen die großformatigen Fotografien an den Wänden im Laika. Ich frage Sebastian, ob man die kaufen könne. Es stellt sich heraus, der Künstler, ein Freund von Sebastian, ist am Hochzeitsabend anwesend im Laika. Michele ist ein junger italienischer Adonis, mit schwarzen Locken und dunklen Augen, der kein Englisch und kein Deutsch spricht und keine der anderen Sprachen, die ich im Repertoire habe. Sebastian und ein Freund vermitteln und ich werde schnell einig mit Michele am Hochzeitsabend. Er wird mir neue Abzüge machen und mir die beiden Fotografien zuschicken. Ich freue mich sehr, über mein persönliches Hochzeitssouvenir von Christines und Sebastians Hochzeit, das im Laika hängt und bald auch in unserem Schlafzimmer.